09th Dez2011

Wahlfreiheit für Neinsager

by textbauwerk

Ist Ihnen bewusst, dass es im Deutschen mehr als 70 Möglichkeiten gibt „Nein“ zu sagen? Wir teilen diese „Neins“ sogar in Kategorien auf:

1. Verneinen mit Wörtern

  • Direkte Verneinung
  • Integrierte Verneinung

2. Verneinen mit Silben

  • Vorsilben
  • Nachsilben

Die direkte Verneinung mit Wörtern fällt uns leicht, weil wir diese tagtäglich bewusst verwenden: nein, nicht, kein, nie, nirgends, ohne, weder – noch. Die integrierte Verneinung wird erst auf den zweiten Blick sichtbar: kaum, schlecht, zweifeln, Rückgang, Mangel, falsch. Glaubt man Studien amerikanischer Forscher, braucht der Otto-Normal-Mensch fast 50% mehr Zeit für das Verstehen einer Verneinung, als für das einer bejahenden Satzaussage.

Wenn also Psychologen den „zunehmenden Mangel an Empathie in der Gesellschaft“ feststellen, nimmt hier etwas Negatives zu – oder verständlicher ausgedrückt: die Empathie in der Gesellschaft nimmt ab.

Es macht daher auch keinen Sinn, Ihrem Partner vorzuwerfen, dass er Ihnen „die Geduld raubt“ oder „kaum Verständnis für ihre Gefühlslage hat“. Solche Aussagen erreichen ihn zu spät, weil er sich auf dem Weg zum Verstehen lieber ein Bier aus dem Kühlschrank holt.

Machen Sie es sich und ihm also leicht: Formulieren Sie positiv oder mit direkter Verneinung. Und sagen Sie nicht erst vor dem Traualtar “Nein!”.

 

(c) Daniela Röcker 2011
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17th Okt2011

Farblehre

by textbauwerk

„Hey, Edith, coole grüne Jacke. Ist die neu?”

“Ja, hab’ ich aus dem Urlaub mitgebracht, aber grün ist sie nicht, sondern blau.”

„Ähm, ich bin doch nicht farbenblind. Die ist nicht blau, sondern eindeutig grün.“

„Auf dem Etikett stand ‚Petrol‘. Also sollte wohl klar sein, dass sie nicht grün ist.“

„Hm? Hört sich nach Benzin an. Aber Benzin ist weder grün noch blau, oder? Außerdem ist ‚Petrol‘ keine richtige Farbbezeichnung. Das haben sich irgendwelche Werber ausgedacht.“

„Ja, in diesem Fall war es vermutlich zuerst eine Lackfarbe für die Automobilindustrie – eine blaugrüne Färbung, die Petroleum manchmal aufweist. Später hat die Textilindustrie sich des Begriffs bedient.“

„Stimmt, die hat ja auch Farbbezeichnungen wie ‚Nougat‘ oder ‚Papaya‘ hervorgebracht.“

„Ja, solche Farbbezeichnungen sollen positive Emotionen und Assoziationen wecken und zum Kauf anregen. Wußtest Du, dass Frauen rund 300 solcher psychischen Farben unterscheiden können?“

„Das wundert mich überhaupt nicht! Wir lesen ‚Sandelholz‘ und denken sofort an ein entspanntes Bad bei Kerzenschein mit einem guten Buch. Mir wird ganz warm ums Herz.“

„Oder ‚Cappuccino‘.“

„Wußtest Du, dass man in manchen Ländern die Farben Blau und Grün gar nicht unterscheidet?“

„So was wie eine Rot-Grün-Blindheit?“

„Nein. Im Altchinesischen z.B. gibt es nur ein einziges Wort für unsere Adjektive blau, grün und schwarz. Im Vietnamesischen gibt es überhaupt keine Bezeichnung für unseren Begriff ‚blau‘. Auch im Gälischen verschwimmen die Farben ineinander. Erst im Kontext mit einem ergänzenden Wort erschließt sich die Farbbezeichnung.

„Hm, auch das wundert mich nicht. Dieses Problem hat die Hälfte der deutschen Bevölkerung auch.“

„Wie bitte? Wie kommst Du denn darauf?“

„Na, dann geh‘ mal auf die Straße und laß‘ Dir von einem beliebigen männlichen Exemplar den Unterschied zwischen ‚Aubergine‘ und ‚Malve‘ erklären. Ich wette, Du wirst in fragende Augen sehen und bestenfalls ein ‚Ääääh‘ hören.“

„Oha, dazu drängt sich mir doch glatt die Sapir-Whorf-Hypothese auf.“

„Die besagt, dass Sprache das Denken formt?“

„Exakt, meine Liebe.“

„Nicht nett von uns.“

„Muss manchmal sein.“

 

(c) Daniela Röcker 2011
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07th Sep2011

Plusquamperfekt

by textbauwerk

Über die Zeit zu schreiben, macht Spaß und fördert die Phantasie. Es sei denn, es handelt sich um die Zeiten in der deutschen Grammatik. Hier sind wir, wie so oft, begrenzt. Zum Beispiel beim Plusquamperfekt – der Vorvergangenheit.

Wenn wir die Tatsache außer Acht lassen, dass wir die lustige Bezeichnung „Plusquamperfekt“ einem puristischen Übersetzer zu verdanken haben, der den lateinischen Ausdruck in einem Wort zusammenfasste, beschreibt dieses Tempus eine Szene, die noch vor einer vergangenen Situation passiert ist.
Und nun gerate ich in Schwierigkeiten, denn die Szene, die am weitesten in der Zeit zurückliegt, birgt die Hauptaussage in meinem Satz, deshalb will ich sie so früh wie möglich formulieren, am besten am Satzanfang.

Ein Beispiel: Beim Spiel am Samstag hatte Torjäger XY sich am Knie verletzt, doch schon am Sonntag sah man ihn wieder trainierend auf dem Platz. Möchte ich hier beschreiben, wie es zu der Verletzung kam, müsste ich weiterhin das Plusquamperfekt verwenden. Dies wäre aber für den Leser mühsam zu lesen, daher verwende ich nur in der ersten Vergangenheitsbeschreibung das Plusquamperfekt und wechsle dann zum Präteritum: Beim Spiel am Samstag hatte Torjäger XY sich am Knie verletzt, als er wieselflink dem Gegner auswich und dabei eine Rolle vorwärts über die Bande schlug, doch schon am Sonntag sah man ihn wieder trainierend auf dem Platz.

Das Plusquamperfekt stirbt jedoch aus, die schreibende Zunft mag es nicht und vermeidet es. Vielleicht liegt es an seinem Namen.

(c) Daniela Röcker 2011
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04th Aug2011

Menschliche Maschine

by textbauwerk

„Edith, schau‘ mal! Hier steht es schon wieder: ‚Telefonischer Kundenberater gesucht‘.“

„Wieso suchen? Da geht man einfach in den Elektro-Fachmarkt und kauft dort so einen Apparat.“

„Nee, das soll eine Stellenausschreibung sein.“

„Ach, und die suchen nicht-humanoide Mitarbeiter? Sehr witzig.“

„In der Tat – da bekommt die Metapher vom ‚Rädchen im Getriebe‘ eine ganz neue Qualität. Aber mal im Ernst, da wollte sich jemand die Mühe machen ‚Call-Center-Agent‘ in eine kurze deutsche Bezeichnung zu übersetzen und ist kläglich gescheitert. Leider haben sich sofort diverse Personaler darauf gestürzt und verwenden das in ihren Anzeigen.“

„Sollen wir denen mal erklären, warum die Bezeichnung daneben ist?“

„Können wir gerne machen. ‚Telefonisch‘ ist ein Adjektiv und bedeutet: mithilfe des Telefons oder auf Telefonie beruhend, fernmündlich.“ (Quelle: Wahrig)

„Nun, ‚mithilfe des Telefons‘ passt ja für den Call-Center-Agent. Er benutzt das Telefon für seine Arbeit.“

„Richtig, für seine Arbeit. Aber er selbst beruht nicht auf der Telefonie. Ein Adjektiv gibt Auskunft darüber, welche Eigenschaft etwas hat. Meistens beschreibt es das Substantiv.“

„Stimme ich Dir zu, aber kannst Du Dich noch an unser Beispiel vom ‚wütenden Brief‘ erinnern? Der Brief kann ja auch nicht wütend sein, trotzdem ist diese Bezeichnung nicht falsch.“

„Guter Einwand, aber erstens ist ‚wütend‘ hier kein Adjektiv, sondern ein adjektivisch gebrauchtes Partizip und zweitens konnten wir diesen Ausdruck mit der Metonymie, dem Ursache-Wirkung-Verhältnis, erklären. (siehe: http://blog.textbauwerk.de/2011/07/fettarme-schokolade/)

„Du hast Recht, beim telefonischen Kundenberater wäre das absurd: weil der Berater das Telefon benutzt, wird er telefonisch. Welche Lösung würdest Du vorschlagen?“

„Ich wäre für: Wir suchen Mitarbeiter für die telefonische Kundenberatung. Oder: Wir suchen Kundenberater für das Anrufzentrum.“

„Anrufzentrum?“

„Na ja, Call-Center. Dafür gibt es eigentlich keine deutsche Übersetzung. Allerdings hab ich unter www.aktionlebendigesdeutsch.de einige witzige Vorschläge für die Übersetzung von Anglizismen gefunden.“

„Das bedeutet aber auch, dass es keine kurze einprägsame Entsprechung für Call-Center-Agent im Deutschen gibt, richtig?“

„Richtig, das Englische kennt viele Ausdrücke, die knackiger sind als die deutsche Entsprechung. Einiges kann und sollte man nicht übersetzen, weil sonst die spezielle Stimmung oder der Eindruck des Wortes verloren geht.“

„Und wenn man es trotzdem macht wie beim ‚telefonischen Kundenberater‘,  degradiert man einen netten Kollegen zu einer Maschine. Wohin gehst Du?“

„In die Küche. Ich werde dort einen Plausch mit unserer liebenswerten Kaffeemaschine halten und ihr etwas Leben einhauchen – die ist schließlich eine sehr treue und fürsorgliche Kollegin.“

„Jawohl, und richtig menschlich.“

 

(c) Daniela Röcker 2011
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24th Jul2011

Fettarme Schokolade

by textbauwerk

„Edith, mir raucht der Kopf. Haben wir noch Schokolade?“

„Herbe Sahne oder Erdbeer-Joghurt?“

„Hm, lieber Herbe Sahne. Moment mal! Das gibt es doch gar nicht: Herbe Sahne! Das ist doch ein Oxymoron oder wenigstens ein Paradoxon.“

„Werbesprache halt.“

„Ja, aber, dürfen die das eigentlich? So was Absurdes kreieren?“

„Nun, Werber dürfen ja bekanntlich alles, sogar unseren schönen Genitiv zum Teufel jagen und Kinder in Schokolade packen.“

„Iiih!“

„Werber sind die, die am wenigsten von Sprache verstehen.”

„Aber es gibt ja auch ohne Werbung die Möglichkeit, Sprache anschaulich zu machen, damit sich etwas besser einprägt. Wir überlisten unser Sehvermögen und suggerieren ihm, dass es beim Lesen von Buchstaben ein Bild sieht.“

„Ja, die sogenannten Sprachbilder, die unsere Sinne anregen und uns eine Botschaft vermitteln können. Mit den Sprachbildern können wir über den reinen Wortlaut hinaus etwas verstehen.“

„‘Du bist mir ein Dorn im Auge‘, zum Beispiel.“

„Ja, die Metapher. Ich übertrage einen Ausdruck auf einen fremden Kontext, der aber ähnlich gemeint ist und mache das Gesagte somit viel deutlicher. Es gibt auch noch die Metonymie als Mittel zur Sprachverfeinerung. Hier stelle ich eine Art Verwandtschaft zwischen dem wörtlichen Ausdruck und der gemeinten Aussage her.“

„Ist mir zu hoch.“

„Nee, das wäre dann auch wieder die Metapher. Bei der Metonymie sage ich zum Beispiel:  Mit einem wütenden Leserbrief reagierte sie auf den Zeitungsartikel. Der Leserbrief ist natürlich nicht wütend, aber hier ist ein Ursache-Wirkung-Verhältnis entstanden. Sie ist wegen des Zeitungsartikels wütend und schreibt daraufhin einen Leserbrief, eine zeitliche Verwandtschaft sozusagen.“

„Das wird mir jetzt zu kompliziert. Hm, die Schokolade ist gut, davon könnte ich eine ganze Wagenladung essen.“

„Sehr schön, das war eine saubere Metonymie – Wagenladung meint eigentlich die Schokolade selbst, ein Inhalt-Verpackung-Verhältnis. Wenn ich mir jedoch Dein Hüftgold so betrachte…“

„Halt‘ die Klappe. Dann drehe ich heute Abend eben eine fettarme Runde um den Block.“

 

(c) Daniela Röcker 2011

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08th Jul2011

Schreiben mit Verstand

by textbauwerk

„Schau‘ mal Edith, ich hab‘ hier den Geschäftsbericht 2010 von Audi.“ (Quelle: www. audi.de, pdf zum Download)

„Rechtschreibfehler?“

„Selbstverständlich, zunächst auf Seite 4 und 8 – weiter bin ich noch nicht.“

„‘Vorsprung durch Technik‘ sagen die Audianer, oder?“

„Ja, allerdings sollten sie an ihrer Schreibtechnik noch ordentlich feilen, da sind sie weit von einem R8 entfernt.“

„Geschäftsberichte haben leider die Eigenschaft, dass sie einen zum Gähnen bringen.“

„Ja, aber das muss doch nicht sein. Wenn ein Unternehmen schon die Pflicht hat, einen Geschäftsbericht zu veröffentlichen, dann kann man auch für jeden verständlich und ansprechend schreiben. Es wäre doch toll, wenn der Arbeiter am Band den Bericht gerne lesen würde oder mein Opa, der seit 50 Jahren ausschließlich und leidenschaftlich gerne Audi fährt.

„Aber nicht mit dieser Formulierung: ‚Der Aufsichtsrat hat sich im vergangenen Geschäftsjahr in den quartalsweise stattfindenden Sitzungen sowie durch regelmäßige und detaillierte mündliche und schriftliche Berichte des Vorstands ausführlich mit der wirtschaftlichen Lage, dem Geschäftsverlauf und der Geschäftspolitik sowie dem Risikomanagement und der Risikolage auseinandergesetzt und sich umfassend mit dem Vorstand darüber beraten.‘“

„Um Himmels willen! Was für ein Satzungetüm. Moment, ich zähle mal – 48 Wörter! Das ist nach dem Ludwig-Reiners-Schema ein sehr schwer verständlicher Satz. Nach seiner Auffassung fängt der sehr schwer verständliche Satz bei 31 Wörtern pro Satz an.“

„Dass der Satz miserabel verständlich ist, hätte auch mein Opa festgestellt. Wie könnte man den Satz denn einfacher formulieren?“

„Der Aufsichtsrat hat im vergangenen Geschäftsjahr seine Arbeit erledigt.“

„Na, auf diesen Satz hätte man dann auch ganz verzichten können.“

„Ganz genau, denn in dieser Satzleiche schwafelt jemand und will Zeilen füllen, mehr nicht. Aussage gleich null. Dieser Satz ist überflüssig, denn dass der Aufsichtsrat prüft, wertet, abwägt und sich berät ist selbstverständlich und muss nicht extra erwähnt werden.“

„Dann lies‘ mal bitte diesen Satz: ‚Der Vermittlungsausschuss musste im Geschäftsjahr 2010 nicht einberufen werden.‘ Was hältst Du davon?“

„Hier ist das Gegenteil passiert. Hier wird nicht geschwafelt, sondern etwas verschwiegen, obwohl das gar nicht nötig ist. Denn die Aussage des Satzes ist: Es gab im Geschäftsjahr 2010 keine Konflikte, die der Vermittlungsausschuss beilegen musste. Aufsichtsrat, Vorstand und Geschäftsführung hatten vielleicht bei einigen Themen unterschiedliche Meinungen, aber sie konnten in den Sitzungen Kompromisse finden. Das ist doch zunächst einmal positiv.“

„Könnte man annehmen. Aber der Eingeweihte interpretiert die Formulierung vielleicht dahin, dass die Geschäftsführung dem Vorstand Informationen vorenthielt oder dass ein renitentes Aufsichtsratsmitglied mit Schweigegeld mundtot gemacht wurde.“

„Denkbar, aber das sind Spekulationen, denen wir uns als neutrale Beobachter nicht hingeben.“

„Unter Berücksichtigung der Leere in meiner Kaffeetasse bei gleichzeitiger sorgfältiger Prüfung des Ziffernblattes eines funktionierenden Chronometers und eines abwägenden Blicks aus dem Fenster, komme ich in meiner Position als neutrale Beobachterin zu der Auffassung, dass es in Kürze Zeit wäre, den Feierabend einzuläuten.“

„Edith, Du bist unmöglich.“

 

(c) Daniela Röcker
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30th Jun2011

Sein oder Haben

by textbauwerk

„Edith, wir haben mehr, als wir sind.“

„Mehr Schein als Sein, das ist nicht neu. Schau‘ Dir die Düsseldorfer an, die kultivieren das als Lebenseinstellung.“

„Nein, so meine ich das nicht. Was ist der Unterschied zwischen ‚Ich habe den Willen‘ und ‚Ich will‘?“

„Beim ersten Satz wird ‚Wille‘ als Substantiv genutzt beim zweiten als Verb?“

„Vollkommen richtig, aber was bedeutet das?“

„Das Substantiv scheint mir stärker zu sein als das Verb.“

„Woher kommt dieser Eindruck?“

„Hm, gute Frage. Vielleicht weil wir die Verben vernachlässigen?“

„Wieder richtig! In unserer Sprache nutzen wir Verben immer weniger. Wir ersetzen sie in hohem Maße mit Substantiven und das beeinflusst unsere Kultur ganz entscheidend. Bereits 1769 hat ein Herr namens Du Marsais in seinem Werk ‚Les Véritables Principes de la Grammaire‘ dies beklagt.“

„Wieso? Wo werde ich da beeinflusst?“

„Nun, wenn ich ein Verb in ein Substantiv umwandle, so wie im Beispiel ‚will‘ in ‚Willen‘, spalte ich das Tun, welches ja mit dem Verb ausgedrückt wird, von mir selbst ab. Ich mache daraus ein Hauptwort, eine Sache, einen Zustand, ein Ding. Der Charakter einer Sache ist, dass man sie besitzen, also ‚haben‘ kann.“

„Aber der Wille ist doch kein Sache.“

„Eben. Der Wille ist etwas in mir drin, ein Gefühl, vielleicht ein Bedürfnis. Wenn ich sage ‘ich will’ bringe ich zum Ausdruck, dass in mir ein Prozess stattgefunden hat – möglicherweise gab es einen Kampf, an dessen Ende eine Entscheidung stand. Das Modalverb „wollen“ zeigt Lebendigkeit, weil es etwas in mir preisgibt, es ist viel näher an mir dran als der Wille als fester Zustand.“

„Das würde heißen, dass der „Wille“, also das Substantiv, tot ist?“

„Ja, indem ich ihm sprachlich den Vorrang gebe, extrahiere ich ihn von jedem Gefühl und mache ihn zum Ding, das sich nicht mehr bewegen kann. Und dieses Ding bekomme ich nur zurück, wenn ich es mit dem Hilfsverb ‚haben‘ verbinde. Haben meint: ich besitze etwas, ich eigne mir etwas an, ich verleibe mir etwas ein. Unserem Wort ‚Haben‘ geht das germanische ‚haf‘ und das indogermanische ‚kap‘ voraus. Beides kann man mit ‚fassen‘ am besten beschreiben (Quelle: Wahrig).“

„Man sagt ja auch: ‚Fass, Bello‘. Wenn ich das jetzt geistig mit ‚haben‘ verbinde, gruselt es mich. Meinst Du das mit ‚beeinflussen‘?“

„Nein, eher dass es Deinen Geist infiziert. Und zwar hat Erich Fromm…“

„…wieder einer dieser Philosophen?“

„Diesmal ist es ein Humanist. Fromm unterscheidet zwischen Gesellschaften, in denen der Mensch im Mittelpunkt steht (sein) und Gesellschaften, in denen Dinge im Vordergrund stehen (haben). Eine Haben-Orientierung beeinflusst den Geist einer Gesellschaft und ist charakteristisch für westliche Industrienationen – der Kapitalismus ist dort das herrschende Lebensthema. Auch Marx und Engels setzten sich mit dieser Problematik auseinander.“

„Das wundert mich nicht. Ist eigentlich noch Kaffee da?“

„Ein oder zwei Tassen.“

„Haben will.“

„Blöde Nuss.“

 

(c) Daniela Röcker
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29th Jun2011

Geschlechtsneutral

by textbauwerk

Im Leserbrief einer Tageszeitung warf kürzlich eine Leserin dem Redakteur eines Artikels vor, dass er „Frauen-Fußballmannschaft“ geschrieben hatte und nicht geschlechtsneutral „Frauen-Fußballteam“ verwendet hatte.

So sehr es grundsätzlich zu begrüßen ist, dass darauf geachtet wird, eine geschlechtsneutrale Beschreibung zu wählen, so zweifelhaft ist es in diesem Fall. Der Duden gibt als Erklärung für „Mannschaft“ an erster Stelle „Gruppe von Sportlern und Sportlerinnen“ an. Das Wort „manschaft“ bedeutet im Mittelhochdeutschen „Gefolgsleute“.  „Mannschaft“ könnte natürlich implizieren, dass es sich nur um Männer handelt, tatsächlich geht das Wort „Mann“ jedoch auf das althochdeutsche „manna“ oder das altindische „manu-“ zurück, welche eher mit „Mensch“ zu vergleichen wären. Einige junge Feministinnen findet man in der „Mädchenmannschaft“, in der es nach eigenen Aussagen auch Männer gibt.

Ich kann hier zwar nur für mich sprechen, aber für mich war das Wort „Mannschaft“ immer heterogen geprägt und eines dürfte doch wohl auch klar sein, egal ob Mannschaft oder Team: Siegen sollen sie morgen, die Ladies!

 

(c) Daniela Röcker
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17th Jun2011

Social Media

by textbauwerk

„Hast Du den Artikel hier gelesen, Edith?“

„Den über den messbaren Erfolg?“

http://www.perspektive-mittelstand.de/Social-Media-Marketing-Wichtige-Erfolgskennzahlen-im-Web-20/management-wissen/print/4113.html

„Ja. Da will jemand durch Messen und Definieren von Kennzahlen den Erfolg beim Social Media Marketing belegen.“

„Abgesehen davon, dass hier ‚messen‘ fehl am Platze ist, sondern eher ‚zählen“ gemeint ist, hört sich das doch eigentlich ganz gut an und bedient auch den Anspruch des Kunden, der Social Media nutzen und damit seinen Absatz steigern will.“

„Oberflächlich ja, aber der Autor empfiehlt u.a., alle Beiträge und Kommentare zu zählen, nach positiv, negativ und neutral zu differenzieren. Nutzer, Weiterleitungen und Empfehlungen zu zählen.“

„Und abgesehen davon, dass es für diese Zählmethoden längst eine Vielzahl an Software (Monitoring-Tools) gibt, hört es sich doch immer noch gut an – für den unwissenden Kunden. Allerdings wird ihm hier eine Sicherheit vorgetäuscht, die niemand leisten kann. Ihm wird vorgegaukelt, dass die Social Media Kampagne erfolgreich ist, wenn er weiß, wer, wann, was und wieviel postet.“

„Richtig, denn diese klassische Analyse nach hoch, niedrig, Plus und Minus ist nur der rudimentäre Teil der Arbeit und übersieht dabei den wichtigsten Punkt des Social Media Universums: die Interaktion. Ich muss herausfinden, warum ein Nutzer positiv oder negativ postet. Hier geht es um Qualität, nicht um Quantität. Was sind seine Beweggründe? Welche Bedürfnisse hat er? Das kann ich nur herausfinden, wenn ich mit ihm interagiere und das auf eine sorgsame, authentische Weise, die ihn respektiert. Diese Analyse braucht Zeit. Kurzfristig sind hier keine sinnvollen Ergebnisse zu erzielen.“

„Wie in einer Beziehung. Da brauche ich unendlich viel Interaktion, um herauszufinden, wer hinter der Fassade steckt. Und wenn es eine gute Beziehung ist, profitiere ich sehr von der Interaktion. Zur Zeit gibt es noch keine Software, die das umfassend leisten kann – es gibt nur Ansätze, soweit ich weiß.“

„Ein Beziehungscomputer? Nein, das muss noch von Hand erledigt werden, wenn man gute Ergebnisse haben will. Aber im Social Media Bereich ist es ähnlich – es braucht Zeit, Leidenschaft, Durchhaltevermögen, aber auch Flexibilität und einen offenen Geist, um letztendlich erfolgreich zu sein. Und Du hast Recht, eine solch umfassende Software für den Social Media Bereich wäre sehr komplex, weil man unzählige Faktoren berücksichtigen müsste und das Nutzerverhalten in unendlich viele kleine Teile spalten müsste und zum Schluss auch noch eine Gewichtung der einzelnen Verhaltensteile vornehmen müsste.“

„Eine Software, die mich und mein Verhalten bis in die kleinste Zelle rationell beurteilt also.“

„Könnte man so sagen.“

„Na, dann hoffe ich, dass die Programmierer einen nicht zu kleinen Bereich für den weiblichen Irrationalis einplanen.“

„Der auch in Männern steckt.“

„Mais oui, ma chère, aber wir haben mehr Spaß daran.“

 

(c) Daniela Röcker
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10th Jun2011

Gut verfugt

by textbauwerk

Jeder Maurer weiß, dass eine stabil gemauerte Wand ein gutes Fugenmittel braucht. Eine Verbindung, die zwei Komponenten zusammenhält. Im Deutschen nennt man eine solche Verbindung Fugenelement und sie tritt u.a. in Form eines „s“ auf, wie z.B. in „Liebestrank“ – die Verbindung von zwei Worten nennt man hier „Komposition“. Weitere Fugenelemente sind „-e“,  „-es“, „-er“, „en“.

Das Fugen-s resultiert oft aus dem Genitiv-s, allerdings trägt der Genitiv nicht immer die Schuld. Leider gibt es für die Fuge keine einfache Faustregel, sondern diverse Variationen – im Zweifel muss man hier das Wörterbuch hinzuziehen.

Das Fugen-s wird eingefügt z.B. nach Wörtern, die mit Suffix enden, wie „Gemeinschaftsraum“ oder „Freiheitsstatue“. Es fehlt bei vielen Nomen, die auf –er enden, wie bei „Auftraggeber“ oder „Feuerlöscher“. Auch bei den Fugenelementen gibt es Kann-Regeln, bei denen man selbst entscheidet, ob das „s“ einfügt wird oder nicht, wie bei Werk(s)feuerwehr.

Man mag nächtens darüber philosophieren, ob auch ohne das Fugenelement die Steuer an das Einkommen gebunden wäre, Fakt ist jedoch, dass der deutsche Amtsschimmel bei der Schreibweise der Steuerarten gänzlich auf das Fugen-s verzichtet – amtlich heißt es Einkommensteuer.

(c) Daniela Röcker
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